Folgen für Angehörige

Ich möchte mich auf diesen Seiten mit den Folgen des Alkoholismus für die beteiligten Personen, die im unmittelbaren Umfeld des Süchtigen leb(t)en, befassen: den Partner/die Partnerin und vor allem den Kindern.

Ich selbst habe eine Teil meiner Kindheit in einer alkoholisierten Beziehung gelebt (mehr über mich lest ihr unter "meine Geschichte") und an mir selbst erlebt, dass die Alkoholabhängigkeit eines Menschen Einfluss auf sein gesamtes Umfeld hat.

Da werden Verhaltensweisen anerzogen und gelernt, die man auch dann nicht einfach so wieder ablegt, wenn man (z.B. als Erwachsene(r)) längst nicht mehr in dem Alkohol-Umfeld lebt.

Aus meiner Sicht kann man sich von diesen Einflüssen nur befreien, wenn man sie erkennt. Für mich ist dieses Erkennen ein langer Prozeß, der auch heute immer noch andauert. Begonnen hat er erst, als ich bereits fast 10 Jahre weg war von daheim. Ich ging in Therapie, um meine Ess-Störung "abzulegen" ohne auch nur zu ahnen, dass das Thema Alkohlismus so viel damit zu tun haben könnte.

Auf den folgenden Seiten möchte ich Euch meine "kranken" Verhaltensweisen näherbringen - und ich werde auch berichten, wie ich damit umgehe und wie ich versuche, damit klarzukommen und zu leben.

Vergessen/Verdrängen

Ein Kind, das leben will, muss daran glauben, dass seine Eltern es lieben - und um das in einem alkoholisierten Umfeld glauben zu können, vergisst es.

Es vergisst Vernachlässigung, vergisst, wie oft es übersehen oder ausgenutzt wird. Auf diese Art verändert sich die Wirklichkeit für das Kind in eine weniger bedrohliche und erträgliche Form.

Der ständige Prozeß des Verdrängens isoliert das Kind, grade auch in der Familie. Es kann sich nicht mehr auf die eigene Wahrnehmung verlassen, denn das, was es sieht oder hört, kann es niemandem erzählen. Und tut es das doch, erlebt es, dass seine Wahrnehmungen von denen der Erwachsenen abweichen.

Ein Beispiel: Abends streiten die Eltern sich, der alkoholisierte Partner wird laut und unüberhörbar. Am nächsten Morgen fragt das Kind den nichtabhängigen Elternteil, was los war. Antwort: "Nichts."

Folge davon ist letztlich diese Denke: "Andere Leute hören nichts, wenn ich es ihnen nicht sage. Sie sehen nichts, wenn ich es ihnen nicht zeige. Auch ich sehe nichts mehr, weil ich nichts mehr sehen will."

Das Verhaltensmuster "nicht sehen, was da ist" bedeutet ein Verleugnen der Realität und viele Kinder haben das so sehr gelernt, dass sie es auch als Erwachsene praktizieren.

Lügen

Eng einher mit Schweigen, Vergessen und Verdrängen geht eine andere fast notwendige Verhaltensweise: Lügen.

In dem alkoholisierten Umfeld wird die Sucht verleugnet. Für Kollegen, Freunde, Bekannte und Verwandte werden Ausreden erfunden, um die Sucht zu "decken" - verbunden mit Schamgefühl und Hilflosigkeit.

Erinnerungen werden ausgeklammert (die unschönen) oder ausgeschmückt (die positiven) und um neue Fakten ergänzt, bis man selbst nicht mehr weiß, was wahr ist und was nicht.

"Wahr ist, was der andere hören möchte."

Bei mir war es so, dass ich das "notwendige" Lügen erlernt habe und später erkannt habe, dass es nicht schadet, die Wahrheit ein wenig zu verschönern. Ich wollte mich wohl auch interessant machen und mir über das "im Mittelpunkt stehen" Anerkennung holen.

Dieses Verhalten abzulegen, ist mir sehr schwer gefallen und auch heute noch ertappe ich mich gelegentlich dabei, in völlig banalen und unwichtigen Situationen von der Wahrheit abzuweichen, obwohl das nicht nötig wäre und nichts an der Wertschätzung durch andere ändert.

Vertrauen

Ein Kind, dass in einer alkoholisierten Umgebung aufwächst, erlebt einen unberechenbaren Alltag.

Schnelle Stimmungswechsel, die abhängig von der Menge des zu sich genommenen Alkohols auftreten, gehören zur Normalität. Das Kind lernt, permanent auf der Hut zu sein. Das Verhalten des trinkenden Elternteils erscheint einem kind willkürlich und unvorhersehbar. Aber auch das Verhalten des nicht-abhängigen Elternteils dient nicht dazu, einem Kind Vertrauen beizubringen, denn auch dieser Elternteil richtet sein Verhalten auf das des Süchtigen aus. Zwangsweise entwickeln Kinder in einer solchen Umgebung eine sehr scharfe Beobachtungsgabe.

Ein Kind erkennt nicht, dass das wechselnde Verhalten auf die Sucht zurückzuführen ist. Für ein Kind, dass in einer alkoholisierten Umgebung aufwächst, ist all das normal - es kennt es ja nicht anders!

Und so wird es auch normal, sich nie auf etwas zu verlassen, auf ein Verhalten oder auf jemanden zu vertrauen.

Für mich ist das ein richtig großes Problem - bis ich jemandem wirklich vertrauen kann, dauert es sehr sehr lange. Und wird dieses Vertrauen dann einmal enttäuscht, gibt es oft für die Person keine zweite Chance mehr.

Selbstachtung, Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein

Ein Kind misst sich an dem, was seine wichtigsten Bezugspersonen ihm entgegenbringen. Über diese Botschaften findet ein Kind heraus, wer es ist.

In einem süchtigen Umfeld kann es doppelte Botschaften geben. Der alkoholkranke Elternteil sagt vielleicht in einem guten Moment "Ich hab Dich lieb." Es wird aber genau so viele schlechte Momente geben mit Botschaften wie "Geh weg" oder "Lass mich in Ruhe!"

Ein Kind, dass in einem alkoholabhängigen Umfeld aufwächst, erfährt keine Sicherheit. So, wie es nicht oder nur sehr schwer Vertrauen in andere Menschen entwickeln kann, geht es auch mit sich selbst um. Da wird gnadenlos verurteilt.

Ein solches Kind kann auch nichts richtig machen - selbst ein sehr gutes Schulzeugnis ist nicht gut genug.

Viele Akoholiker sind Perfektionisten und erwarten diese Perfektion auch von ihren Kindern.

Viel zu früh verlieren Kindern so ihre Sorglosigkeit, denn was immer sie auch taten, es war nie gut genug. Kindern von Alkoholikern fällt es schwer, zu glauben, dass sie als der Mensch, der sie sind, akzeptiert werden, ohne sich diese Akzeptanz verdienen zu müssen.
 

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