Co-Abhängigkeit...?

Vielleicht fange ich erstmal mit einer Definition an:

Co-Abhängige sind Menschen, die durch das (süchtige) Verhalten anderer in Mitleidenschaft gezogen werden.

Sie fühlen sich oft für die ganze Welt verantwortlich, sind aber nicht imstande, Verantwortung für Ihr eigenes Leben zu übernehmen. Sie geben ständig, wissen aber oft nicht, wie man nimmt und nehmen daher auch nicht. Einige geben bis sie aufgeben. Sie sind Experten darin, sich um andere und alles zu kümmern, aber unfähig, sich um sich selbst zu kümmern. Oft sind sie auf andere Menschen fixiert. Sie leiden, beklagen sich und versuchen, alles zu beherrschen...außer sich selbst. Sie halten gern alles unter Kontrolle. Sehr oft können sie nicht "nein" sagen. Sie verlieren sich selbst, wirken aber nach außen immer verantwortungsbewusst und zuverlässig. Viele Coabhängige manipulieren, weil Manipulation der einzige Weg für sie ist, mit dem der Alltag einigermaßen funktioniert.

Ich selbst bin viele Jahre coabhängig gewesen, ohne auch nur zu wissen, was dieses Wort bedeutet. Auch nachdem ich ausgezogen war (siehe meine Geschichte) und dachte, nun seie alles gut, war ich weder von meiner Eßstörung noch von der Coabhängigkeit befreit.

Immer wieder schaffte ich es ohne Probleme, mich wunderbar um andere zu kümmern. Zu dem Zeitpunkt wollte ich mich auf gar keinen Fall mit mir selbst auseinandersetzen. Da war das typische coabhängige Verhalten auch ein Stück Flucht vor mir selbst und meinen Problemen.

Doch auch während und nach der Therapie hatte ich immer ein sehr starkes Bedürfnis, anderen zu helfen. Generell spricht auch nichts dagegen - aber ich mußte wirklich lernen, dabei auch und vor allem auf mich zu achten, Grenzen zu setzen und mich um mich zu kümmern.

Vor einiger Zeit gab es dann eine Situation, in der ich mich endgültig von der Coabhängigkeit befreit habe (...glaube ich wenigstens...*g*). Der traurige Anlaß dafür war ein akuter "Fall"...ein Mädel, dass ich im Chat kennengelernt hatte, vollgestopft mit Problemen. Wir chatteten, mailten und telefonierten...sie nahm mein Hilfsangebot dankbar an. Irgendwann merkte ich, dass ich mein Leben ihren Bedürfnissen unterordnete...weil es ihr nämlich erheblich schlechter ging als mir.

Glücklicherweise bemerkte ich das und sagte ihr dann auch, dass es so nicht mehr weiterlaufen könne. Vorher, als wir begannen, miteinander zu chatten, hatte ich bereits gesagt, dass ich es sagen würde, wenn es mir zuviel würde. Zu dem Zeitpunkt war mir schon bewusst, dass ich auf mich aufpassen musste.

Dem Mädel ging es zu dem Zeitpunkt wirklich extrem schlecht - da kamen Erinnerungen erstmals wieder hoch, die sehr lange zurücklagen und die sie komplett verdrängt hatte. Zwar ging sie auch zur Therapie, aber das reichte bei weitem nicht aus. Egal...jedenfalls erklärte ich ihr irgendwann, es ginge nicht mehr so weiter und es kam, wie es kommen musste...obwohl sie vorher wusste, dass diese Situation möglicherweise kommen würde, kam sie überhaupt nicht damit klar.

Ihr deutlich zu machen, dass ich eine Grenze hatte, war so in etwa das Härteste, was ich je getan habe. Hätte ich das nicht geschafft, wäre ich an ihren Problemen zerbrochen...so fühlte ich mich zumindest.

Ich denke, ich bin immer noch ein sehr hilfsbereiter Mensch, höre gern zu und versuche zu helfen - wenn ich es kann. Aber ich versuche, mich nicht mehr bis über beide Ohren in die Probleme anderer zu verstricken...ich gehe nicht mehr über meine Grenzen hinaus.

Einige Jahre später - im Frühjahr 2007 - merkte ich, dass ich doch nicht so geheilt war, wie ich es gern geglaubt hätte. Leider merkte ich diesmal erst etwas, als es beinahe zu spät war. In der Firma gab ich aufgrund diverser "Engpässe" (und das ist sehr vorsichtig umschrieben) 120% - über einen längeren Zeitraum. Erst im Frühjahr 2007 war ich an dem Punkt, an dem ich merkte, dass das nicht mehr geht. Auf der folgenden Krankschreibung stand "Burnout" - und ich musste mir eingestehen, dass ich meine eigenen Grenzen mal wieder geschickt übersehen hatte. Es geht mir jetzt wieder besser - aber ich werde noch mehr als bisher darauf achten müssen, dass es mir gut geht. Das kommt davon, wenn man glaubt, man seie "geheilt"... *mpft* - aber für mich war das in jedem Fall eine sehr lehrreiche Erfahrung!

Ich bin der wichtigste Mensch in meinem Leben...solange es mir gut geht, bin ich durchaus bereit, zu helfen, wenn ich es kann. Aber es gibt auch mein Leben und das geht vor. Und das hat nix mit Egoismus zu tun - nur mit einem gesunden Gefühl für mich selbst.

 

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