Ess-Störungen - Ursachen

Der Körper als Maß aller Dinge

Den eigenen Körper nicht akzeptieren und lieben können, sich dick, hässlich und wertlos fühlen - damit beginnt der verzweifelte Kampf um Pfunde und Gramm. Die übermäßige Besorgnis um das Gewicht endet in einer strengen Kontrolle des Körpers und seiner Bedürfnisse, die vermeintlich Macht und Stärke verleiht. Damit steht und fällt das ohnehin angegriffene Selbstwertgefühl mit der Disziplin und dem Erfolg bei Abmagerungskuren.

Der Konflikt

Dahinter verbirgt sich häufig die Unfähigkeit, sich selbst und den eigenen Körper realistisch zu sehen. Stattdessen wird das Schlankheitsideal der Gesellschaft verinnerlicht, ins Extrem überzogen und zum persönlichen Maßstab gewählt. Der Konflikt ist vorprogrammiert - unabhängig vom Gewicht: Das Bild vom eigenen Körper entspricht - subjektiv gesehen - nicht den Vorstellungen. Diese Selbsttäuschung und Fehldeutung führt zum Leiden am eigenen Körper, das kennzeichnend ist für alle Formen von Ess-Störungen. Der ständige Kampf mit sich selbst rückt das Essen erst recht in den Mittelpunkt des Lebens. Die Auseinandersetzung um Essen oder Nichtessen wird immer wieder zur Bewährungsprobe. Allmählich verändert sich die Wahrnehmung des Hungergefühls. Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle werden nicht mehr klar und differenziert erkannt, sondern auf den einen Punkt gebracht: Hunger.

Leiden an Körper und Seele

Ein geringes Selbstwertgefühl, mangelndes Selbstbewusstsein, nagende Selbstzweifel, Gefühle von Einsamkeit und Leere kennzeichnen das Innenleben in dieser Situation. Die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, Freundschaften zu pflegen und Konflikte auszuhalten, wird immer geringer. Scham und Schuldgefühle entstehen. Man liebt sich selbst nicht und ist daher sicher, dass es andere auch nicht tun - vor allem dann nicht, wenn sie einen erst "erkannt" haben. So wachsen Einsamkeit und Angst vor menschlicher Nähe.

Sprachloser Protest...ein Wort zu Rollenerwartungen

Bei den Ursachen von Ess-Störungen spielen sicherlich der "Schlankheitswahn" und der schon erwähnte Diätkreislauf eine Rolle. Sie können jedoch nicht allein für das Krankheitsbild der Ess-Störungen verantwortlich gemacht werden.

Von großer Bedeutung, ob Menschen Ess-Störungen bekommen oder nicht, ist die jeweilige psychische Entwicklung innerhalb der Herkunftsfamilie. Als Grundkonflikt wird die Suche nach der eigenen Identität angesehen. Häufig ist sie begleitet von langjährigen inneren Kämpfen zwischen Abhängigkeit und Selbstbestimmung. Anfangs innerhalb der Familie, später in Beziehungen zu Partnern und im öffentlich-gesellschaftlichen Leben.

Magersüchtige Mädchen entwickeln z.B. ihre Ess-Störung häufig in der Pubertät als Abgrenzungskampf gegen ihre Eltern, und wollen unter keinen Umständen so werden wie die eigene Mutter. In erster Linie wird der eigene Körper abgelehnt. In der so genannten "anorektischen" Familie gibt es in der Regel keine offenen Konflikte, die Probleme werden "unter den Teppich gekehrt". Nach außen herrscht harmonische Eintracht. Zwischen den Familienmitgliedern gibt es wenig Distanz und Eigenständigkeit. Das Abmagern betrachten die Mädchen und jungen Frauen als einzige Möglichkeit, wenigstens über den eigenen Körper Autonomie zu besitzen.

Esssüchtige Frauen mussten schon sehr früh Verantwortung übernehmen und eigenständig sein. Häufig wurde ihnen zu früh die Sorge um ihre jüngeren Geschwister übertragen. Obwohl bei den betroffenen Frauen eine große Bedürftigkeit besteht, endlich selbst einmal etwas zu bekommen, gelingt ihnen dies in der Regel nicht auf dem direkten Weg, sondern über den Umweg des "Gebens".

Die bulimische Frau, die in der Regel - ähnlich der anorektischen Frau - eine sehr verwobene Mutter-Tochter-Beziehung hat, ist häufig sehr bemüht, nach außen alle an sie gestellten Anforderungen zu erfüllen. Sie kann als "Superfrau" gesehen werden, die eine brave Tochter für die Eltern ist, eine attraktive Frau für den Partner und leistungsorientiert für den Arbeitgeber. Mit großer Anstrengung versucht sie nach außen diesen unterschiedlichen Rollenanforderungen gerecht zu werden. Entstehende Konflikte werden nach innen, mit dem Körper ausgetragen. Ess-Brech-Anfälle sind, wenn auch sprachlos, als ein Protest gegen die massiven, oft nicht zu vereinbarenden Anforderungen zu verstehen. Das Erbrechen erleben viele Frauen als symbolische Reinigung von Fremdansprüchen.

Zusammenfassend sei noch einmal herausgestellt, dass alle von Ess-Störungen Betroffenen wenig Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen haben. Sie erleben ihren Körper als nicht zu ihnen gehörend und sind in der Regel wenig konfliktfähig. Statt Ärger und Konflikte nach außen zu tragen, werden sie selbst schädigend und aggressiv im und am eigenen Körper ausgetragen.

Hunger nach Liebe...

Allen Ess-Störungen liegt ein Hungergefühl zugrunde - seelischer Hunger, der als körperlicher Hunger erlebt wird (Dr. Jacoby, Chefarzt Klinik am Korso, Bad Oeynhausen). Fettsüchtige geben ihm nach und werden dicker. Bulimiker auch. Sie erbrechen die Nahrung aber wieder. Magersüchtige kämpfen dagegen an und verweigern am Ende jede Art von Nahrung.

Alle Essgestörten leiden an mangelndem oder nicht vorhandenem Selbstwertgefühl. Der Grund: Sie konnten in ihrem sozialen Umfeld nie so etwas wie eine Identität ausbilden. Doch nicht nur Liebesentzug und Gefühlskälte können Auslöser für Ess-Störungen sein, auch Harmoniesucht und Klammern. Die Ess-Störung ist für viele der einzige Weg, sich abzugrenzen und wenigstens den eigenen Körper selbst zu kontrollieren.

Mehr als 60 % aller Essgestörten haben körperlichen oder sexuellen Missbrauch erlebt (!!!). Noch häufiger ist jedoch der emotionale Missbrauch, die Gewalt an der Seele eines Kindes, dass sich nicht so entwickeln darf, wie es will! Die Unsicherheit mit der Rolle als Frau spielt ebenfalls oft eine Rolle. Jungen Mädchen wollen mithalten in dieser Gesellschaft, die durch Leistung und Schönheit geprägt ist. Sie wollen perfekt funktionieren und innere Unsicherheit kompensieren.

Auf den Punkt gebracht, müssen sich viele betroffene junge Frauen entscheiden: Will ich Karriere, Kosmetik, Kalorienzählen? Oder doch lieber Kinder, Küche, Kirche?

Die Folgen:

Jede Ess-Störung bedeutet für den Körper eine handfeste Belastung. Die schlimmste aller Folgen:

Das Gefühl für die Ausmaße des eigenen Körpers geht verloren. Es findet eine krankhafte Fixierung auf das Essen statt, viele erlauben sich aber nicht, dem Drang nach Nahrungsaufnahme nachzugeben.

Selbstmord aus Ekel vor dem bis auf die Knochen abgemagerten Körper oder aus Verzweiflung, weil man die Heißhungerattacken und Brechanfälle nicht in den Griff bekommt. Oder aus Hoffnungslosigkeit, weil man von einer Sucht beherrscht wird, die in unserer Gesellschaft immer noch banalisiert wird - beides keine Seltenheit.

Nur wenige der Betroffenen können sich aus eigener Kraft aus ihrer Sucht befreien. Viele leben lange, quälende Jahre mit ihrer Krankheit, ohne dass die Umwelt Notiz davon nehmen würde. Der erste Schritt ist immer der Wille, gesund zu werden. Gleich als nächstes folgt dann der Weg zum Arzt - für viele der schwierigste Schritt überhaupt. Bulimie und Fettsucht sind eine Art Selbstmord auf Raten, viele sterben, weil der Körper nicht mehr mitspielt, an Herz-Kreislauf-Versagen oder Niereninsuffizienz.

 

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