Aleeshas Geschichte
Teil 3: Volljährig und Selbständig

1989 war es endlich soweit! Die Polizei machte der Beziehungskiste zwischen meiner Mutter und Willy ein Ende - sie verhaftete ihn und steckte ihn in den Knast. Der Anlass war wieder irgendeine unbezahlte Rechnung. Die Tage unmittelbar danach habe ich sehr genossen. Endlich kehrte Ruhe ein.

Meine Mutter gab dann eine Kontaktanzeige auf und heiratete ein halbes Jahr später ihren zweiten Mann. Sie zog mit meinen Brüdern zu ihm nach Walsrode, sein Haus (grade fertiggeworden) wurde noch ein bisschen erweitert und bot dann Platz für alle.

Da ich keinerlei Wert darauf legte, Hannover erneut den Rücken zu kehren und außerdem den Eindruck hatte, ich würde ernsthafte Probleme mit dem Mann meiner Mutter bekommen, wenn wir unter einem Dach leben würden, zog ich aus und nahm mir mit Unterstützung meiner Mom eine möblierte Wohnung.

Das Abitur hatte ich hinter mich gebracht, aber nicht bestanden. Wäre ich mitgegangen nach Walsrode, hätte ich aufs Gymnasium gemusst und einen Wiederholversuch starten dürfen. Ich wollte auf keinen Fall weiter zur Schule gehen und damit weiter abhängig sein, sondern mein Glück zunächst allein versuchen.

Ich arbeitete bei McDonalds, verdient etwas Geld und lebte so vor mich hin. Zu der Zeit futterte ich Schokolade in Unmengen, allerdings nahm ich kaum zu. Damals Zeit hatte ich auch meinen ersten "richtigen Freund" - Dirk. Wir hatten wundervolle drei Monate und ich liebte ihn sehr. Leider hat er sich dann in ein anderes Mädel verliebt. Sein Vater war übrigens ein Alkoholiker, seine Mutter hatte sich vor einigen Jahren getrennt.

Etwa ein halbes Jahr später bekam ich einen Praktikumsplatz in einem Werbebüro, den ich dankbar annahm. Werbekauffrau wollte ich werden und dies schien mir ein geeigneter Einstieg zu sein.

Der Job war klasse, ich besuchte Messen und verkaufte persönlich und telefonisch Werbezeiten und Anzeigenseiten für Fachzeitschriften und das Radio.

Da es sich um ein Praktikum handelte, wurde ich nur mäßig bezahlt - als 530-DM-Kraft (das war damals die Grenze für das steuerfreie Dazuverdienen). Das Geld reichte natürlich vorne und hinten nicht und trotz Unterstützung durch meine Mom, die mich einmal wöchentlich besuchte und mit mir einkaufen ging sowie meine Wäsche mitnahm, überzog ich munter mein Konto.

Ich lernte Egon kennen, einen Schulkameraden meines Bruders. Wir wurden ein Paar und er zog bei mir ein. Zuhause hatte er genauso viel Stress wie ich - seine Mutter trank seit der Scheidung. Da er kein Geld verdiente, sondern zur Schule ging, wurde es finanziell noch enger. Ich nahm das erste Darlehen auf. Nach zwei Jahren war es vorbei...ich hatte einen anderen Typen kennengelernt und trennte mich von Egon.

Auch der "Neue", den ich hier Werner nennen möchte, kam aus einer schwierigen Situation und zog relativ schnell bei mir ein. Er war selbständig, hatte aber nie genug Geld zum Leben und so lebten wir wieder von meinem Geld - obwohl ich ja auch keins hatte.

Ich hatte derweil einen Ausbildungsplatz in dem Werbebüro in Aussicht gestellt bekommen, doch diese Vereinbarung platzte in letzter Minute, weil mein damaliger Chef die Zeit und das Geld für die Ausbildereignungsprüfung nicht auf sich nehmen wollte. Ich jedoch wollte nicht als ungelernte Kraft enden und zog es vor, zu wechseln. Glücklicherweise fand ich recht schnell einen Job als Büroangestellte einer Zeitarbeitsfirma. Damals war der Arbeitsmarkt noch deutlich entspannter als es heute der Fall ist.

Mein erster Einsatz war dann die Versicherungsgesellschaft, in der ich heute tätig bin. Ich sah, wie gut dort bezahlt wurde und bewarb mich immer wieder, bis ich genommen wurde. Die Festanstellung fand ich dann schließlich in einer Regionaldirektion. Ich pumpte mir wieder Geld, denn um dort hinzukommen, benötigte ich ein Auto.

Werner und ich waren nicht unglücklich (zumindest war mir seinerzeit nicht bewusst, dass ich keinesfalls glücklich war) - allerdings immer nur von meinem Geld. Ich futterte munter Schokolade in mich hinein. Woher sollte ich auch wissen, dass Glück eben nicht nur ein Mann an meiner Seite und genügend Schokolade bedeutete? Werner trank für meinen Geschmack entschieden zu viel Alkohol - aber dass ich damit ein Problem hatte, interessierte ihn kaum.

Wir hatten zu der Zeit eine Clique, die sich immer an Pfingsten zum zelten traf. An diesen Wochenenden wurde sich mehrheitlich flüssig ernährt - und ich gewöhnte mich an einen mäßigen Alkoholkonsum. Nach den Pfingstwochenenden brauchte ich regelmäßig einige Tage Urlaub, um mich zu erholen. Aber die Clique war großartig, ich wurde akzeptiert so wie ich war und fühlte mich nicht unwohl.

Irgendwann nach ungefähr 5 Jahren trennte ich mich von meinem Freund, weil ich mich in einen Flirt verguckt hatte. Er zog aus. Aus dem Flirt wurde nix, obwohl ich ihm hinterher gelaufen bin. Ich war zum ersten Mal seit langer Zeit allein. An den Wochenenden ging ich tanzen - jeweils zwei Nächte bis in die frühen Morgenstunden. Ernährt habe ich mich von Cola, Chips, Schokolade und Negerküssen. Ich nahm ab, wohl weil ich durch das Tanzen sehr viel Bewegung hatte. Mein Geld war eigentlich immer alle, die Bank freute sich sehr darüber, dass ich brav mein Darlehen abbezahlte. Ich war sehr viel mit deutlich jüngeren Menschen zusammen.

Zwei Jahre war ich solo - und ich sehnte mich nach einer neuen Beziehung und suchte immer noch nichts mehr als Liebe. Immer, wenn ich tanzen ging, hatte ich ein Schild auf der Stirn - "nimm mich" stand dort drauf. Allerdings blieb dieses Schild recht wirkungslos - bis ich ungefähr 2 Jahre später einen Typen kennenlernte und mich verknallte. Er war kein Deutscher und lebte noch dazu in Frankfurt, also etwa 350 km von Hannover entfernt - aber das störte mich alles gar nicht.

Er kam mich dann besuchen und von da an pendelten wir zwischen Frankfurt und Hannover hin und her. Ich war seine erste richtige Freundin (er war 4 Jahre jünger) und er war sehr stolz, mich seinen Eltern vorzustellen. Sein Vater hatte ein Alkoholproblem, aber das wurde zu keiner Zeit thematisiert.

Parallel versuchte ich, den Abschluss zur Versicherungskauffrau zu erlangen. Die Arbeit in Hildesheim war gut bezahlt, doch das Arbeitsklima war nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Es wurde gemobbt ohne Ende und meine damalige Chefin war definitiv keine Führungskraft. Ich aß den ganzen Tag. Nach dem Frühstück fuhr ich in die Firma, dort öffnete ich meine Schublade und futterte. Nach dem Mittagessen ging ich im Supermarkt vorbei und stockte meinen Vorrat auf. Ich nahm zu und wurde träge. Mit dem Tanzen war es irgendwann auch vorbei.

Die Prüfung für den Versicherungskaufmann rückte näher. Zweimal wöchentlich fuhr ich zur Prüfungsvorbereitung nach Hannover in die Schule.
 

Gästebuch

Letzte Änderung: