Aleeshas Geschichte
Teil 4: Der Crash & seine Folgen - Therapie

An einem Dienstagnachmittag, es war der 1.4.1997, war ich auch auf dem Weg zum Prüfungsvorbereitungskurs. Ich stand in Hildesheim an einer großen Kreuzung als zweites Fahrzeug vor einer roten Ampel.

Plötzlich krachte es, ich wurde auf den Fiat Panda vor mir geschoben. Als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, war mein grade 1 1/2 Jahre altes und vollfinanziertes Auto nur noch ein Haufen Schrott. Mir war glücklicherweise nix passiert - dachte ich. Den Krankenwagen schickte ich weg und der herbei gerufene Abschleppwagen transportierte mich und die Reste meines Autos in die Werkstatt. Aber von dort fuhr ich dann direkt ins Krankenhaus, denn mein Nacken fing an, höllisch weh zu tun - Diagnose: HWS-Schleudertrauma. Ich bekam eine Halskrause verpasst und wurde heim geschickt.

Die nächsten Tagen waren die Hölle und ich war so nah dran am Selbstmord wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ich wusste schlicht nicht, wie es weiter gehen sollte. Das Auto war kaputt und würde sich auch nicht mehr reparieren lassen. Ich musste doch aber einen Wagen haben, um zur Arbeit zu kommen.

Dummerweise war die Finanzierung des Autos so ausgelegt, dass das, was ich von der Versicherung des Gegners erhielt, weniger war als das, was die Bank zu bekommen hatte. Noch mehr Schulden. Ich war wirklich fix und foxi. Mein Arzt schrieb mich dann wegen dem HWS erstmal krank.

Irgendwie verlor ich total die Kontrolle über mein Leben - unverschuldet, ich hatte doch nur an einer roten Ampel gestanden...

So konnte es nicht mehr weitergehen! Vor allem die finanzielle Situation machte mir große Sorgen. Dazu war ich ziemlich unglücklich im Job und auch sonst war mein Leben ziemlich trostlos. Seelisch war ich damals echt am Ende und ich saß mindestens zwei Tage daheim und heulte nur noch.

Dann fing ich an, ernsthaft zu überlegen, wie es weitergehen könnte - und machte mich auf die verzweifelte Suche nach einem fahrbaren Untersatz, denn irgendwann würde ich wieder arbeiten müssen. Wen könnte ich diesmal anpumpen? Leider gab es da nicht soo viele Leute. Die Bank, bei der ich das Auto finanziert hatte, setzte mich ziemlich unter Druck - weil die Versicherung des Auffahrenden mir relativ problemlos einen Scheck geschickt hatte.

Nach der ersten Woche daheim verschrieb mir mein Arzt Massagen für den Nacken. Die Masseurin war nur wenig älter als ich und wir waren uns ziemlich sympathisch. Am Ende des dritten Termins sagte sie, sie fände es toll, dass ich so locker wäre, obwohl ich eben Übergewicht hätte.

Irgendwas ist da passiert, jedenfalls brach meine Fassade zusammen und ich hatte einen selten klaren Moment. Also sagte ich ihr mit erzwungener Coolness, ich sei keineswegs locker, das sei alles nur Show. Ich hätte wohl eine Essstörung. Woher ich diese Erkenntnis auf einmal hatte, weiß ich bis heute nicht. Mir war schon klar, dass meine Essgewohnheiten keinesfalls normal waren - aber wie das so ist: Der Mensch beschäftigt sich nicht mit Themen, die ihm unangenehm sind.

Damals wog ich 125 kg und war kreuzunglücklich mit mir. Was mich aber nicht davon abhielt, zu essen! Im Gegenteil - je mehr ich aß, umso besser fühlte ich mich. Wenigstens für sehr kurze Zeit. Wenn das gute Gefühl nachließ, musste ich wieder essen. Mein normales Abendpensum bestand aus einer Tüte Chips, einer Tüte Flips, 2-3 Tafeln Schokolade und manchmal auch noch einer ganzen Packung Dickmanns. Vorher gab´s sehr oft einen riesigen Berg Spaghetti mit Butter und Salz. Ich aß, bis ich mich vor mir selbst ekelte - dann machte ich den Fernseher aus und ging ins Bett. So verliefen meine Tage sehr gleichförmig. Heute bin ich sehr dankbar, dass ich nicht kotzen konnte und so die Kurve in die Bulimie nicht genommen habe.

Die Masseurin meinte, dagegen könne man doch etwas tun und gab mir die Adresse einer Psychotherapeutin. Ich vereinbarte einen Termin und so begann meine Therapie. Die praktischen Probleme löste ich, indem ich auf Kredit (meine Hausbank war dann nach längeren Verhandlungen doch so freundlich) ein gebrauchtes Auto kaufte.

Vor dem ersten Termin war ich ein absolutes Nervenbündel - und kaum saß ich im Behandlungszimmer, flossen die Tränen. Ich heulte mir in den nächsten Sitzungen im wahrsten Sinne des Wortes den Kummer aus dem Leib. Gefühlsmäßig war das schon sehr extrem... nach so einer Sitzung war ich oft himmelhochjauchzend, wusste ich doch, dass es nun nur noch alles besser werden konnte. Ziemlich schnell kam dann aber wieder die Ernüchterung. Noch lag viel vor mir.

Recht bald ging es ins Eingemachte und ich fing an, mich mit mir selbst und meiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Ich erzählte der Therapeutin alles - und meine Kindheit und der Alkohol wurden immer mehr zum Thema. Um meine Essgewohnheiten erst mal in mein Bewusstsein zu rücken, führte ich mit ihrer Unterstützung ein Ess-Tagebuch, in dem ich gewissenhaft alles notierte, was ich so in mich hineinstopfte.

Quasi zwischendurch bestand ich die Prüfung zur Versicherungskauffrau mit mäßigen Noten - aber ich war durch.

Schon nach einigen Wochen hatte ich das dringende Bedürfnis, aus meinem Alltag zu flüchten - mein ganzes Leben war nicht wirklich angenehm und ich zog mich trotz meines Kummers mehr und mehr hinter die Fassade der immer lachenden und fröhlichen junge Frau zurück. Ich war oft aufgedreht, redete und stellte mich gern in den Mittelpunkt. Der Clown wird im Zirkus immer am meisten geliebt. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich in der Lage sein würde, mein Essverhalten zu ändern. So sprach ich erstmals mit meiner Therapeutin über eine Reha - früher hieß das Kur. Sie stellte den Antrag mit mir gemeinsam und er wurde bewilligt.

Im Job war ich schon lange unglücklich und hatte mich intern beworben. Es gab nicht so viele Bewerbungen und ich wirkte wohl verzweifelt genug, also wurde ich trotz mangelnder Vorkenntnisse nach dem Bewerbungsgespräch genommen. Für den Kurantrag hatte ich ein Anschreiben aufgesetzt, in dem ich um eine Klinik in Hessen bat, damit ich näher bei meinem Freud sein konnte. Die Kur wurde genehmigt und gleich danach würde ich dann meine neue Stelle in Hannover antreten.

Ich wurde in die psychosomatischen Klinik am Vogelsberg (Grebenhain, südlich von Fulda, Dr.Ebel-Fachkliniken) aufgenommen. Dort wurde ich als allererstes auf Diät gesetzt und bekam jede Menge Sport verordnet. Ich lernte andere Leute kennen, die ähnliche Probleme hatten wie ich und in den verschiedenen Therapien wurde mir klar gemacht, dass ICH etwas ändern musste.

2 x wöchentlich gab's Gruppentherapie und 3 x wöchentlich hatte ich zur Einzeltherapie zu gehen. Ganz schön heftig, aber für mich genau das Richtige! Ich lernte mich kennen und hatte in den 8 Wochen etwa 3 richtig fieses Tiefs, die verbunden waren mit sehr vielen Tränen. Ich begriff, dass ich selbst das Problem war, dass ich mich um mich kümmern musste und mich selbst lieben lernen musste (jemand anderes kam für diesen Job ja nicht in Frage...).

Dort schnitt ich mir auch das allererste Mal die langen Haare ab - und an dem Spruch "Wenn Frauen sich die Haare abschneiden, ist etwas im Gang" ist durchaus etwas dran.

Ich habe diese Zeit genutzt, um mich sehr intensiv um mich zu kümmern und bin mir selbst ein gutes Stück näher gekommen. Als ich entlassen wurde, fühlte ich mich total verändert. Ich kehrte also nach Hause zurück und war voller Elan und Schaffenskraft. Doch die Beziehung hielt meinen Veränderungen nicht stand - denn während ich mich weiter entwickelt hatte, war mein Freund stehen geblieben. Wir steckten in einer Sackgasse. Die ewige Pendelei auf der Strecke Frankfurt - Hannover kostete viel Geld (das ich nicht hatte!) und unsere Überlegungen zum Zusammenziehen waren sehr einseitig. Er wollte in gar keinem Fall seine Familie verlassen und zu mir ziehen und ich konnte und wollte meinen sicheren Job nicht aufgeben und nach Frankfurt ziehen. Meinen Vorschlag, es auf der halben Strecke zu probieren, lehnte er ebenfalls ab. Letztlich stellte ich fest, dass er mir nicht mehr gewachsen war - auf einmal kam er mir jünger und unreifer vor. Vorher hatte mich der Altersunterschied nicht gestört.

In der Klinik hatte ich wohl einen Riesenschritt vorwärts gemacht - und mit dieser meiner Entwicklung konnte er einfach nicht Schritt halten.

Daheim hatte ich nun endlich einen Internetanschluß (man schrieb das Jahr 1998 und Internet war damals noch nicht so verbreitet wie heute). Die einzige Adresse, die ich im Netz kannte, war www.funcity.de - damals der Internetauftritt von Radio ffn. Aleesha wurde geboren und gleich bei meinem erste Chat lernte ich Frederick kennen. In der Firma trat ich eine neue Stelle in der Anwendungsberatung an. Die ambulante Therapie setzte ich fort.

Ich hatte das Gefühl, dass es in meinem Leben endlich erstmals wirklich bergauf.
 

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