Aleeshas Geschichte
Der Absturz

Irgendwie fing ich an, fast ein wenig Angst zu bekommen, weil es mir so verdammt gut ging. Wer hoch fliegt, kann auch tief fallen - und das wollte ich keinesfalls.

Dann gab es in der Firma eine große Umstrukturierung. Meine Abteilung wurde in die Tochterfirma outgesourct und mit dem dortigen Benutzerservice zusammen gelegt. Für mich klang diese Maßnahme sehr sinnvoll und ich freute mich auf die dann deutlich erweiterten Aufgaben und die neuen Kollegen, die ich alle schon ein wenig kennengelernt hatte.

Damit stand ich allerdings ziemlich alleine dar, denn beide Abteilungen waren in den Jahren zuvor dazu erzogen worden, gegeneinander zu arbeiten und die Gräben waren sehr tief. Beide Abteilungsleiter bewarben sich auf den Job. Genommen wurde nicht mein bisheriger Chef, sondern der andere und auch darüber freute ich mich, denn den fand ich richtig nett. Hier werde ich ihn Peter nennen.

In den 2 Jahren danach machte mir der Job sehr viel Spaß - ich lernte jeden Tag etwas Neues dazu und genoß die Vielfalt an Aufgaben. Peter war der absolute Traum für mich - er lebte einen basisdemokratischen Führungsstil und ließ uns viele Freiheiten. Ich fühlte mich gefordert und gleichzeitig gefördert und lebte total auf.

Alles machte mir Spaß und ich begann, in Peter mehr einen Freund als einen Vorgesetzten zu sehen und riss mir auch für ihn den Hintern auf. Ich gab locker 120% - über einen längeren Zeitraum. Das machten aber nicht alle so und es gab immer noch abteilungsintern massive Grabenkämpfe. Die Stimmung wurde schlechter und schlechter. Auch unsere Zahlen litten, denn immer wieder fühlte sich niemand verantwortlich und die Arbeit wurde einfach liegen gelassen.

Peter litt unter dieser Situation sehr. Er versuchte vieles, um uns zur Zusammenarbeit und zu einem guten Miteinander zu bewegen, aber es sollte ihm nicht gelingen. Er organisierte uns intern um und versuchte, seinen Führungsstil zu verändern. Allerdings hatte er zu diesem Zeitpunkt in der Abteilung schon einiges an Respekt verloren.

Durch die interne Umorganisation veränderte sich auch mein Aufgabengebiet - von da an war ich ausschließlich am Telefon dafür mitverantwortlich, dass möglichst viele Anrufer durch kamen und ihre Störung melden konnten. Parallel dazu stieg wegen neuer Technik die Anzahl der Anrufe. Da die Stimmung immer noch miserabel war, bewarben sich immer mehr Kollegen weg in andere Abteilungen. Unternehmenspolitisch bedingt wurden Stellen nicht wieder besetzt und wir wurden immer weniger Leute.

Der Stress nahm zu. Im Oktober 2006 zogen wir im Telefonteam die Notbremse und teilten Peter mit, dass wir nicht mehr so arbeiten könnten. Damals war ich das erste Mal den Tränen nahe und ärgerte mich über mich selbst. Peter versprach eine Umorganisation und diese griff im Januar. Für mich war das schon zu spät. Ich war schon fix und alle und weinte immer öfter. Irgendwann im Februar warf Peter dann das Handtuch und bewarb sich intern auf eine andere Stelle.

Als er uns das mitteilte, hatte ich das Gefühl, den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen. Immerhin war er es, der massiv dazu beitrug, dass mir der Job trotz Stress immer noch Spaß machte (das redete ich mir ein!) und dass mich die abteilungsinternen Streitigkeiten relativ kalt ließen. Er war als Mensch sehr wichtig für mich geworden. Nach dieser Ankündigung hab ich bei jeder Kleinigkeit geheult - oft ohne irgendeinen Grund. Ich war einfach fertig. Das konnte ich aber zunächst überhaupt nicht so einschätzen und so dauerte es noch bis Anfang März, bis ich mich krank schreiben ließ. Ich war absolut betriebsblind für mich und meine eigenen Bedürfnisse geworden.
 

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