Aleeshas Geschichte
Teil 7: 2. Reha

Ich vertraute mich meiner Hausärztin an und die schrieb mich erstmal krank. Ich blieb 4 1/2 Wochen daheim. Damit ich überhaupt wieder stabil werden würde, verschrieb sie mir ein Anti-Depressivum.

In den folgenden Wochen merkte ich erst so richtig, was ich mir angetan hatte. Mein Herz fing an zu rasen, ich hatte einen Ruhepuls von 110. Mein Blutdruck stieg und stieg. Früher hatte ich nie Probleme damit. Da ich auch schon seit einiger Zeit ein Herzgeräusch habe, schickte meine Hausärztin mich zum Kardiologen.

Der hat mir dann mächtig in den Hintern getreten. Zwar ist mein Herz glücklicherweise gesund, aber er sagte auch ganz klar, dass ich unbedingt abnehmen müsse. Ich beschloss, etwas zu ändern und kaufte mir im Buchhandel die Weight-Watchers- Kochbücher. Da Fred mit mir abnehmen wollte, fiel der Einstieg relativ leicht und so hatte ich auch in den ersten Wochen gute Erfolge zu verzeichnen. Natürlich ging mir das Abnehmen viel zu langsam, aber immerhin - so hielt ich mir immer wieder vor Augen - hatte ich die Kilos ja auch nicht in sehr kurzer Zeit angefuttert.

Als nächstes wurde ich krank. Nebenhöhlenentzündung - mal wieder. Ich wurde zur HNO geschickt und bekam starke Medikamente zum Rotzlösen, dazu Antibiotika. Nach einer Woche war ich dann auch damit durch. Aber nur zwei Wochen später lag ich wieder flach, wieder die Nebenhöhlen. Ich ging also erneut zur HNO und diesmal wurden die Nebenhöhlen geröntgt (schreibt man das so?). Dabei wurde eine große Zyste gefunden. Diese muss operativ entfernt werden - ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie es mir ging.

Weil die Zeit grade günstig war, machte ich den üblichen Routine-Termin bei meiner Gynäkologin. Diese entdeckte auch eine Zyste, beruhigte mich aber dahingehend, dass sich die allermeisten Eierstockzysten von selbst wieder auflösen. Irgendwie reihte sich eine Hiobs-Botschaft an die andere - so kam es mir wenigstens vor.

Erst danach ging es sehr langsam ein wenig bergauf. Ich wurde etwas stabiler, was sicher auch mit dem Anti-Depressivum zusammenhing. Trotzdem lösten sich meine Probleme natürlich nicht von alleine.

Ich wusste wohl, dass ich das nur selber konnte - und so überzeugte ich meine Hausärztin davon, mir bei dem Antrag für eine Reha zu helfen. Das hatte mir schon mal geholfen und würde hoffentlich wieder funktionieren.

Zu der Zeit trat der Nachfolger von Peter seinen Job an - ich arbeitete wieder, war aber immer noch instabil und lehnte ihn erstmal aus Prinzip ab.

Der Antrag auf Reha wurde genehmigt. In der Woche, bevor ich die Reha angetreten habe, hatte ich einen erneuten Termin bei meiner Gynäkologin und tatsächlich hatte sich die Zyste aufgelöst - sollte es wirklich bergauf gehen? Ich durfte dann für 6 Wochen in die Lipperland-Klinik nach Bad Salzuflen fahren.

Das war 2007 - ich reiste am 05.06.07 an und beendete die Reha planmässig am 17.07.07. Gleich im Anschluss, so hatte ich es mit Peters Nachfolger vereinbart, würde ich meinen Jahresurlaub nehmen und dann erst Mitte August wieder arbeiten.

Ich kam also in der Klinik an und war erstmal etwas enttäuscht, denn so schön, wie damals am Vogelsberg war es dort nicht. Alles war schon etwas verwohnt und eher zweckmäßig als schön eingerichtet. OK, die Klinik gehörte der BfA, die heute Deutsche Rentenversicherung Bund heißt - und die Klinik am Vogelsberg war eine private Klinik gewesen. Aber egal - ich wollte ja etwas für mich tun.

In der ersten Woche war erstmal feiertagsbedingt gar nichts los, aber dafür lernte ich nach und nach die anderen Patienten kennen. Erst in der zweiten Woche startete das volle Reha-Programm mit Sport und Therapiegruppen. Es dauerte etwa 3 Wochen, bis ich in der Gruppe erstmals meinte, etwas sagen zu müssen. Da hab ich mir selbst ganz schön Druck gemacht.

Ich berichtete also von meiner Kindheit, der ersten Reha und den letzten 3 Jahren im Job. So richtig verstehen, was mit mir los war, wollte aber keiner - alle sagten nur, ich hätte mich in der Firma ja total ausnutzen lassen und ich wurde gefragt, ob ich in meinen Chef verliebt gewesen sei.

Mein erstes Fazit: Ich muss einfach wieder mehr auf mich aufpassen, auch mal einen Gang zurück schalten und nicht immer alle Probleme auf einmal lösen wollen. Und ich muss wieder anfangen, mich selbst wahr- und anzunehmen.

In der Klinik trieb ich eine Menge Sport und nahm ab, was meinem Ego unglaublich gut tat. Parallel dazu wurde ich in der Freizeit aktiver - es fanden sich immer ein paar Leute, die mit mir kegeln gingen. Ich traf zum Beispiel Michaela, die sich anfangs extrem unwohl in der Klinik fühlte und eigentlich immer nur am Heulen war. Hurra, ich wurde gebraucht. Immer öfter fragte ich sie, ob wir nicht dieses oder jenes zusammen tun wollten. Sie wollte.

Aber in meiner dritten Woche war sie dann auch angekommen und selbständig geworden. Ich lernte aber noch einige andere Menschen kennen, jede(r) für sich liebenswert.

Eine davon ist Christina, die in Oldenburg lebt und bei einem Architekten arbeitet. Sie war mit mir angereist und wir verbrachten bald irgendwie alle Abende mehr oder minder direkt zusammen und spielten oder plauderten oder gingen zusammen in die Stadt. Unvergessen geblieben sind mir die Kino-Abende und das Flatrate-Kuchenessen! :-))

Der zweite wichtige Mensch war dann ein Mann - nennen wir ihn mal Daniel. Er ist 8 Jahre älter als ich, wohnt praktisch um die Ecke (kurz vor Bremen) und ist auch mit mir angereist. Ich weiß noch, dass wir am zweiten Abend miteinander Fußball guckten (Deutschland gegen ...). Dann war da eine ganze Zeitlang gar nix und irgendwann kamen wir dann mal ins Reden und danach hockten wir recht oft zusammen. Morgens, mittags und abends und dazwischen sowieso - eigentlich fast immer, wenn unsere Zeit es zuließ. Wieder wurde ich gebraucht.

Und dann war da ja noch mein Fred, der aufgrund seiner Rückenprobleme ebenfalls eine Reha beantragt und genehmigt bekommen hatte. Wie es der Zufall wollte (genauer: weil ich so oft mit beiden Rentenversicherungsträgern telefoniert hatte), wurde seine Kur ebenfalls in Bad Salzuflen genehmigt - in der Nachbarklinik.

So waren wir abends oft zu viert, manchmal auch einige mehr, da sich immer noch irgendwer anschloss. Leider hatte Fred nur drei Wochen genehmigt bekommen und so war ich dann wieder auf mich gestellt - aber zu dem Zeitpunkt war der Draht zu Daniel und Christina schon viel zu eng. Immer war jemand da und ich hatte gar keine Gelegenheit, wegen Freds Abwesenheit in irgendein Loch zu fallen.

Oft gab es auch deutlich größere Runden. Einmal haben wir abends auf Station 8 (der Kneipe gegenüber) gesessen und wirklich Tränen gelacht, weil ein echtes Original mit dem schönen Vornamen Otto uns die Geschichte vom Hennesje aus Meeenz näher brachte. *schickt dem Otto bei dieser Gelegenheit einen dicken Knuddel gen Hessen runter*

An diesem Abend fehlte nicht viel und wir wären der Kneipe verwiesen worden. Die Wirtin kam irgendwann und fragte, ob denn die Spiel- und Krabbelgruppe noch etwas trinken wolle - weil wir so herzhaft gelacht haben! Und dann war da noch Sarah, die mich schon morgens beim Chi Gong mit einem herzhaften "Kikerikiiiii" zum Grinsen brachte! Ich vermiss Dich, Süße! *umarm*

Daniel war schon etwas Besonderes für mich (und ist es auch heute noch!) - er hat nämlich sehr ähnliche Probleme wie ich sie vor einigen Jahren hatte und manchmal immer noch habe. Ich erkannte mich in vielen Dingen, die er tat und sagte, wieder.

Dazu kam, dass er für mich zum Auslöser für mein erstes Tief wurde und auch bei meinem zweiten Tief nicht unbeteiligt war. Aber auch ich sollte zu einem späteren Zeitpunkt für ihn ein Auslöser werden. Die jeweiligen Geschichten dazu würden hier definitiv zu weit führen - nur soviel: Ich bin sehr froh, Daniel kennengelernt zu haben! *schickt ihm eine liebe Umarmung*

Die Wochen vergingen und ich dachte schon, ich hätte alles hinter mir. In der 5. Woche wollten wir am Dienstag zum Teddy-Basteln in die Nachbarklinik gehen - 4 Mädels, ein Mann und ich. Wer mich kennt, weiß, dass ich prima mit Hammer und Nagel umzugehen weiß und gerne bastele - aber mit Nadel und Faden, das ist nicht so mein Ding. Aber natürlich wollte ich trotzdem einen Teddy haben - und natürlich sollte dieser Teddy der schönste von allen werden. Wurde er auch - aber das musste ich erst erkennen. Mein Anspruch an mich selbst war nämlich so weit oben in den Wolken, dass ich zwangsweise scheitern musste und mich unglaublich schwer tat.

Zwar bekam ich Lasse (so heißt der Teddy) fertig und war auch sehr stolz, aber zwischendrin hab ich fleißig geheult. Und auch am nächsten Morgen - es war wieder ein Abreisetag und damit sowieso schon schwerer als normal - liefen die Tränen bei der kleinsten Kleinigkeit. So kam ich zu meinem zweiten "Auftritt" in der Gruppe und diesmal ging das erheblich tiefer.

Es tut so verdammt weh, sich einzugestehen, was für ein armer Wurm man ist. Ich dachte ja, in meiner ersten Reha hätte ich verstanden, dass ich liebenswert und wertvoll bin und dass ich mich selbst auch ruhig lieben darf. Habe ich auch - aber nur mit dem Kopf. Dass noch etwas fehlte, hab ich nun gespürt.

Ich hatte gefühlsmäßig nie einen Abschluss gefunden - ich hab nie um das kleine Mädchen getrauert, das ich hätte sein können, wenn ich geliebt worden wäre. Ich habe mir nie zugestanden, um mich zu weinen, um meine verletzten Gefühle und den Menschen, der ich mit genügend Zuwendung vielleicht hätte werden können.

Spannenderweise ist mir das, was ich jetzt hier schreibe, erst nach meiner Entlassung bewusst geworden. An dem fraglichen Mittwoch war ich auf einmal - total verheult - ganz ruhig und so nah bei mir wie schon sehr lange nicht mehr.

Ich bin nicht gerne schwach - aber an dem Tag war ich schwach und konnte feststellen, dass ich trotzdem geliebt werde und dass das gar nicht so schlimm ist. Puuh...das ging ganz schön unter die Haut.

Aber letztlich war dieses zweite Tief sogar noch wichtiger als das erste. Die Maske "Clown" hatte von diesem Augenblick an in der Klinik ausgedient - ich musste gar nicht immer fröhlich sein! Abends gingen wir ins Kino und ich kuschelte mich an Christina an, die mir inzwischen fast wie eine große Schwester vorkam. Da sie immer meinte, ich könne altersmäßig ihre Tochter sein, machten wir uns einen Spaß daraus und ich nannte sie Mama. Das hat für so manchen verwirrten Blick gesorgt, war uns aber total egal. Daniel war an diesem für mich wichtigen Abend anderweitig beschäftigt. Am folgenden Tag hatte er dann eines seiner Tiefs.

Ich könnte noch so viele Geschichten erzählen - aber das wird dann irgendwie doch ein wenig zu persönlich und vieles davon kann ich auch gar nicht gut in Worte fassen.

Die 6 Wochen waren viel zu schnell rum - am liebsten wäre ich noch geblieben. Aber die Abreise kam und das war dann nochmal richtig schwer. Christina hatte sich angeboten, mich zum Bahnhof nach Herford zu bringen und da standen wir dann und snieften. Süße, es ist so schön, dass wir diese Zeit hatten und uns kennenlernen durften! *umärmel*

Daniel hatte zwei Wochen verlängert und so kam für ihn der Moment, wo er sich von all denen, die er ins Herz geschlossen hatte, verabschieden musste. Er war ziemlich angeschlagen. Außer Christina und mir reisten am Folgetag noch einige andere Menschen ab, die er irgendwie mochte und die in den vergangenen Wochen viel Zeit mit ihm verbracht hatten. Außerdem stand sein Geburtstag unmittelbar bevor - und damit hatte er dann gleich noch ein Problem.

Es ist schon so - die Menschen, mit denen man in einer psychosomatischen Klinik Zeit verbringt, stehen einem sehr schnell sehr nahe. Ein anderer Mitpatient hat das so formuliert:

"Die Leute lernen Dich hier binnen 6 Wochen viel besser kennen als Deine Familie in 30 Jahren."

Recht hat er - diesen Satz zitiere ich inzwischen gerne und oft. Man erlebt in diesem geschützten Umfeld (im Volksmund auch "Käseglocke" oder "Hotel zur lockeren Schraube" genannt) die Menschen mit all ihren Schwachpunkten und erfährt Dinge, die sonst nie ausgesprochen werden. Das schafft Beziehungen, die schnell etwas ganz Besonderes sind - umso schwerer ist dann auch das Abschied nehmen und die Rückkehr in den Alltag, wo viele der Kontakte genauso schnell einschlafen, wie sie in der Klinik entstanden sind.

Aber zurück zu mir...daheim war ich erstmal allein und mit auspacken beschäftigt. Dann hatte ich einige Tage frei und für mich, während Fred noch arbeiten musste. Am darauf folgendenden Samstag flogen wir in den Urlaub (Türkei) - nach einer anstrengenden Reha brauchte ich Urlaub.

Während des Urlaubs und auch danach noch hatte ich sowohl zu Daniel als auch zu Christina und drei bis vier weiteren Mitpatienten Kontakt.

Ich fing dann wieder an zu arbeiten - ohne Medikamente. Doch die Lust am Job hatte ich verloren - es war einfach nicht mehr dasselbe und ich merkte, dass eine Veränderung fällig war.

Die Reha wirkte lange Zeit positiv nach und es gibt immer wieder Momente, in denen ich erstaunlich klar erkenne, was ich bisher falsch gemacht habe und wie ich es künftig anders machen kann und will.

Ende September 2007 habe ich mir die Zyste aus der Nase entfernen lassen und mich dann von der Operation erholt. Relativ bald nach der Erkenntnis, dass mir die Arbeit nicht mehr so viel Spaß macht (das war Ende August), habe ich mich auf eine interne Stellenausschreibung beworben und bin genommen worden. Am 1.12. fing ich meinen neuen Job an.

Der Kontakt zu Christina und Daniel besteht auch zwei Jahre nach der Reha noch - Christina ist mir eine echte Freundin geworden. Die Beziehung zu Daniel war eine echte Bewährungsprobe - ich wurde schon wieder gebraucht und merkte grad noch echtzeitig, dass er mich krank machen würde, wen ich mich aufgab, um ihm zu helfen. Ich halte daher etwas Abstand zu ihm. Seit November 2007 treibe ich regelmäßig 2 x wöchentlich Sport, meine Kondition hat sich sehr verbessert und ich fühle mich erheblich fitter als jemals vorher. Leider klappt das mit den Essgewohnheiten nicht immer und ich habe einen Teil der fast 20 Kilo, die ich 2007 abnahm, wieder angefuttert.

Der Jobwechsel hat mir eine Menge neuer Aufgaben und Herausforderungen gebracht - es macht mir viel Spaß und ich gehe wieder gern zur Arbeit. Auch mit den Kollegen aus der alten Abteilung und deren Chef (Peters Nachfolger) habe ich Frieden geschlossen. Es hat allerdings eine ganze Zeit gedauert, bis mein Frust über die Situation sich gelegt hatte.

Zwischendurch hatte ich ein mittelgroßes Zwischentief, aus dem ich aber allein herausgefunden habe. Da war ich doch wieder in alte Verhaltensweisen hinein gerutscht - aber ich hab es diesmal rechtzeitig gemerkt und von mir aus etwas unternommen. Ich betrachte das als großen Fortschritt.

Ich bin stabil und erheblich gelassener und ruhiger geworden. Ich habe gelernt, mich nicht mehr so aufzureiben. Mein Freundeskreis verändert sich und wächst und ich bin viel ehrlicher geworden. Den Clown kehre ich nur noch dann heraus, wenn ich mich absolut unsicher oder unwohl in einer Situation fühle und mir nicht anders zu helfen weiß - und das passiert immer seltener.

Mit Frederick ist es nur schön - wir lieben uns immer noch! Kurz: Alles ist gut und mein Leben ist ziemlich schön.

Dieser Bericht datiert aus 2003 und wurde danach mehrfach aktualisiert - zuletzt im Mai 2009. Er beinhaltet meine Eindrücke und Wahrnehmungen und ist kein Stück objektiv...
 

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