Aleeshas Geschichte
Teil 8: Rückblick

Aus heutiger Sicht stellen sich viele Dinge ganz anders dar, als ich sie damals gesehen habe. Ich versuche mal, das zu beschreiben...

Meine Mutter muss ich sehr enttäuscht haben. Sie hatte sich ein Mädchen gewünscht, das Schleifen im Haar trug und zum Ballettunterricht ging. Ich dagegen spielte lieber Fußball auf der Straße. Das hat sie bis heute nicht verwunden, sie sagt immer noch, ich solle mich mal ein bisschen mehr wie eine Dame benehmen...

Wir haben deshalb leider sehr oft Stress miteinander, weil ich mich permanent gegen diese Bevormundung wehre. Ich will mich nicht mehr verbiegen, um ihr zu gefallen. Ich möchte mein Leben leben - und zwar so, wie ich es will. Vielleicht lege ich soviel Wert darauf, weil ich als Kind keine Möglichkeit hatte, der Fremdbestimmung durch ihren Lebenspartner zu entkommen.

An den Spätfolgen des Unfalls leidet meine Mom auch heute noch. Ich bin allerdings nicht sicher, ob sie diese Spätfolgen - vielleicht unbewusst - nicht auch ganz gezielt einsetzt, um Dingen, die ihr unangenehm sind, aus dem Weg zu gehen. Ich gehe aber davon aus, dass ihr diese Form der Manipulation keinesfalls bewusst ist. Und - ich bin ihr keinesfalls böse deswegen. Sie ist bestimmt auch nur ein "Opfer" ihrer eigenen Kindheit - und von meiner restlichen Verwandtschaft weiß ich inzwischen, dass sie es nicht leicht hatte.

Ich denke, vieles von dem Hass, den meine Mom bis heute gegen meinen Vater hegt, beruht auch darauf, dass sich das aus ihrer Sicht so darstellt, dass sie ihm die Ausbildung finanziert hat und er dann gegangen ist, als es bergauf ging. Der Rest ist dann wohl Selbstschutz, unverarbeitete Gefühle und so weiter...allerdings kriegen wir richtig Zoff, wenn sie versucht, meinem Vater die Schuld daran zu geben, dass sie eine Beziehung zu Willy eingegangen ist.

In den Jahren während meiner Therapie haben wir uns nicht besonders gut verstanden - inzwischen hat sich das glücklicherweise wieder etwas eingerenkt. Ich versuche, sie zu nehmen, wie sie ist und sie bemüht sich, mich nicht länger zu erziehen. Sie ist meine Mom und ich hab sie verdammt lieb!

Bezüglich des Alkohols hat sich meine Einstellung über die Jahre ziemlich verändert. Nachdem ich ausgezogen war, habe ich zunächst überhaupt keinen Alkohol trinken können und wollen. Ich hatte ziemlich Angst davor, auch so enden zu können. Heute ist das anders. Ich kann durchaus mal ein bis siebzehn Bier trinken oder auch nen Cocktail oder so. Aber ich muss mich nicht besaufen. Der Rausch, der durch die Droge Alkohol hervorgerufen wird, gibt mir nix - gar nix. Ich habe lieber die Kontrolle über das, was ich tue. Und je älter ich werde, umso weniger reizt es mich, etwas Alkoholisches zu trinken. Mir fehlt einfach nichts, wenn ich Saft oder Wasser oder sonstwas trinke.

Die Situation mit dem Schäferhund ist nur ein Beispiel dafür, wie wenig Selbstwertgefühl Willy hatte. Er musste sich vor anderen Leuten immer produzieren und im Nachhinein denke ich, dass er vermutlich genauso unschuldig an seinen Problemen ist wie ich an den meinen. Ich habe ihn lange Zeit einfach nur gehasst... für all diese kleinen Grausamkeiten im Alltag. Jedoch ist auch er wohl ein Opfer seiner Erfahrungen. Nichtsdestotrotz hat er mich zu dem gemacht, was ich bis vor kurzem noch war und heute teilweise immer noch bin - und das werde ich ihm nie verzeihen.

Egon gelang es auch später nicht, sein Leben in den Griff zu bekommen. 1999 beging er Selbstmord. Meine Mutter erfuhr das aus der Zeitung und rief mich an. Wir bekamen mal wieder Streit, weil ich nicht besonders betroffen war. Das lag unter anderem daran, dass ich zu der Zeit fast 10 Jahre keinen Kontakt mehr zu Egon hatte. Ich halte nix davon, Gefühle vorzuspielen, die einfach nicht da sind. Auch dann nicht, wenn es sich bei dem Gefühl um Trauer handelt. Generell denke ich, Selbstmord stellt keine Lösung da. In den meisten Fällen sind die Selbstmord drohung und der Versuch, sich umzubringen, ein reiner Hilfeschrei. Ich habe nur einmal ernsthaft darüber nachgedacht - ich war wohl zu feige dafür. Glücklicherweise.

Ich schäme mich nicht mehr für das, was ich bin - ich habe eine Ess-Störung. Ich hatte einen Burnout aufgrund meiner Co-Abhängigkeit (mehr dazu in der Rubrik "Alkoholismus") und ich war auch schon depressiv. Ich hab all das überlebt und bin stolz darauf, dass ich immer wieder aufgestanden bin und an mir gearbeitet habe, um für mich zu sorgen.

Genau wie so viele andere Menschen war ich lange Zeit vollkommen blind für meine Probleme. Ich mußte erst ziemlich weit unten sein, um die Kraft zu finden, etwas zu ändern. Ich denke, das geht den meisten Menschen so. Der Kampf mit den eigenen Schwächen ist eben nicht leicht - und schwierigen Dingen geht man so lange wie möglich aus dem Weg. Das ist viel einfacher...

In meiner Kindheit gab es vieles - nur eins nicht. Ich wurde nicht so geliebt, wie ich es wohl gebraucht hätte. Das Resultat: Ich versuchte, immer und ewig im Mittelpunkt zu stehen, um wenigstens so ein bisschen Liebe zu bekommen. Und aß Süßigkeiten - in rauen Mengen! Irgendwann fing ich dann an, zuzunehmen - und hatte es prompt in der Schule noch schwerer. Dazu kam noch einen handfeste Co-Abhängigkeit, die mich auch heute noch immer wieder einholt. Und dann kam der depressive Schub, letztlich ausgelöst durch zu viel - selbst gemachten - Stress. Aber auch den habe ich nun überwunden und es geht mir gut, auch wenn ich nicht mehr so himmelhochjauchzend bin.

Nach meinem Auszug dachte ich, nun würde es aufwärts gehen - falsch gedacht. Diverse Beziehungen schlugen fehl, ihr habt es ja schon gelesen. Heute weiß ich, dass es die falschen Männer waren. Ich habe aber auch immer sehr unbewusst nach Männern gesucht, die nicht fähig waren, ihre Gefühle zu zeigen - das wäre mir sonst zu viel geworden.

Einerseits hab ich mir nichts so sehr gewünscht, wie geliebt zu werden - andererseits konnte ich genau das nicht ertragen oder hatte einfach verdammte Angst davor! Ich kannte das Gefühl ja auch nicht und musste das erstmal mühsam lernen.

Inzwischen bin ich 40 Jahre alt und mein Leben ist schön.

Mein Gewicht habe ich nach der ersten Therapie lange Zeit gehalten, aber irgendwie bin ich dann doch dann aber doch wieder in alte Essgewohnheitn zurück gefallen - wenn auch nie wieder so extrem. Ich habe aber immer wieder Phasen, in denen ich abnehme und zunehme - und solange ich eine bestimmte Grenze nicht überschreite, ist das schon ok so. Ich habe meinen Frieden mit mir und meinem Gewicht gemacht. Letztlich hat es eine Schutzfunktion - das sprichwörtliche dicke Fell macht mich scheinbar (!) weniger verletzlich und mein Gewicht gibt meinem Auftreten auch sprichwörtlich mehr Gewicht. Ich weiß, Essen ist kein Ersatz für Liebe!

Ich weiß aber auch, dass ich wohl für den Rest meines Lebens darauf achten muss, wie und vor allem warum ich esse. Aber ich fühle mich heute gut und weiß, dass ich auf einem guten Weg bin.

Was ich sehr aufmerksam beobachten will, ist die Sache mit der Clownsmaske. Grade in Gesellschaft neigte ich viele Jahre dazu, extrem fröhlich zu sein. Ich weiß, ich brauche das nicht und in der zweiten Reha habe ich das auch sehr eindrücklich gezeigt bekommen. Ich will versuchen, auch im Alltag einfach mehr 'ich' zu sein. Das fällt mir nicht leicht - aber ich probeiere es immer wieder und übe, mich so zu zeigen, wie ich bin. Mit allen meinen Unsicherheiten und Schwächen. Aber ich bin natürlich vorsichtig und öffne mich nur dort, wo ich glaube, vertrauen zu können. Garantien gibt es dafür aber nicht - und wenn ich verletzt werde, werde ich es überleben.

Und ich habe den allerbesten Mann der Welt! Dass es mir so lange so gut gegangen ist, hängt definitiv mit Fred zusammen und auch, als es immer schlechter wurde, war er einfach für mich da. Ich bin sehr dankbar, dass er mich so liebt wie ich bin - und ich liebe ihn so sehr!

Für diejenigen von euch, die beim Lesen sich selbst erkannt haben, habe ich noch einen Rat:

Tut etwas für Euch!
Passt auf Euch auf!

Ihr selbst seid der wichtigste Mensch in Eurem Leben, denn nur, wenn es euch wirklich gut geht, könnt ihr das tun, was ihr tun wollt - im Leben, im Beruf und auch sonst. Wenn ihr merkt, dass es so nicht mehr geht, dann sucht euch Hilfe!

Und - ganz wichtig: Egal, wie ihr grade seid - ihr seid ok so! Jeder Mensch ist von Natur aus liebenswert! Der Wert eines Menschen ist etwas Unveränderliches, das jeder von Geburt an hat - und er hat nichts damit zu tun, wie ihr ausseht oder was ihr in eurem Leben vollbringt.

In der ersten Reha habe ich für mich Regeln erstellt, nach denen ich zu leben versuche. Sie gelten immer noch - oder mehr denn je. Ich habe sie für Euch zusammengeschrieben - ihr findet sie unter "Was mir hilft". Diese Regeln haben sich für mich einfach als passend herausgestellt. Vielleicht ist auch für Euch etwas dabei? Ansonsten erschafft Euch eure eigenen Regeln - überlegt, was für Euch wichtig und richtig ist.

Alles Liebe für Euch...
Aleesha
 

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